Leseempfehlungen: manuskripte 227

Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der manuskripte war am 30.4.2020 eine Veranstaltung mit der Zeitschrift in der Alten Schmiede geplant – mit Lesungen der AutorInnen Laura Freudenthaler, Sarah Kuratle, Hanno Millesi und Angelika Reitzer sowie einem ausführlichen Gespräch zwischen Lena Brandauer und dem Herausgeber Andreas Unterweger. Wir holen die Veranstaltung am 9.11.2020 nach. In Vorausblick unternimmt Lena Brandauer einen Lektürestreifzug durch die aktuelle manuskripte-Nummer 227.



Sechzig Jahre ist es her, seit bei der Eröffnung des Grazer Forum Stadtpark am 4. November 1960 die erste damals noch hektographierte Ausgabe der Literaturzeitschrift manuskripte in Umlauf kam. Die Zeitschrift erschien mit dem Ziel, aktueller experimenteller und sprachkritischer Literatur eine Plattform zu bieten und veröffentlichte schon bald Texte zahlreicher international renommierter AutorInnen, von denen ihr viele bis heute verbunden sind. Die aktuelle Ausgabe Nr. 227, die das heurige Jubiläumsjahr einläutet, ist formal und inhaltlich vielfältig. Wie die Herausgeber Alfred Kolleritsch und Andreas Unterweger in der Marginalie schreiben, enthält sie 33 Beiträge „geschrieben von 19 Autorinnen und 13 Autoren aus zehn Ländern“, die, wie bei den manuskripten üblich, in die Sparten Prosa, Lyrik und Essay gegliedert sind. Den Auftakt macht Felix Philipp Ingolds Kritik an der AutorInnenzentriertheit im aktuellen Literaturbetrieb: „Was dieser Autor, was jene Autorin zu sagen hat, was also der Text an Bedeutung mit sich führt, ist durchweg dem vorgeordnet, wie es formal bewerkstelligt wird.“ Als Gedankenexperiment imaginiert Ingold eine literarische Saison, die nur von anonymen VerfasserInnen bestritten würde.
Darauf folgt Michael Donhausers Prosatext „Vier Bilder“, in dem sich der Autor mit Fotografien Natascha Auenhammers auseinandersetzt, deren Anblick den Flashback einer psychedelischen Erfahrung bei ihm auslöste. Dies hat, so Donhauser, „mit der Art der Fotos und nicht allein mit dem Abgebildeten zu tun“, da die Bildkompositionen der Fotografin das, was sie zeigen, eher paraphrasieren als deuten. „Es ist diese Enthaltsamkeit, die sowohl dem Halluzinierten wie der Fotografin hier zukommt, als Versagen bei ersterem, als Entsagen bei letzterer, indem sie nicht auf etwas hinzuweisen beabsichtigt.“

Der dichte poetische Beitrag „Anlagen“ von Greta Lauer verwebt Schicksale und Ereignisse verschiedener Orte und Zeiten ineinander: „Die Vergangenheit ist nicht tot. Die Gegenwart stirbt. Die Zukunft wechselt beständig von einem Ort zum anderen, ihre Möglichkeiten sind immer schon da und gewesen.“ Auf einen primär historischen Stoff fokussiert Sabine Scholl in ihrem Beitrag, der Venedig zur Zeit des Faschismus aus wechselnden Figurenperspektiven schildert. Die Ausgabe enthält noch viele weitere sprachlich und inhaltlich versierte Prosaarbeiten: so Hanno Millesis Beitrag „Égalité“, der das austauschbar gewordene Erscheinungsbild globalisierter Innenstädte reflektiert, in denen sich sogar die Lebensweisen der Obdachlosen gleichen; oder Nora Wickes Wutrede in Tagebuchform, die die Mehrfachbelastung sichtbar macht, der ein weibliches Individuum durch Job, Mutterschaft und die gesellschaftlichen Vorstellungen vom Frausein täglich ausgesetzt ist.
Taiwan ist die aktuelle Wahlheimat von Freda Fiala, durch die sie in ihrer Text-Bildkomposition „NEU TAIPEI an PLUS VIER DREI“ streift. Die lyrische Prosa der Autorin bildet die Überleitung zum nächsten Abschnitt der Ausgabe, in dem eine Vielfalt sowohl etablierter als auch junger dichtender Stimmen zu Wort kommt: Unter anderen die aktuelle Grazer Stadtschreiberin Volja Hapeyeva. Ihre Gedichte vermischen Impressionen der Natur und des täglichen Erlebens mit Gedanken über menschliche Beziehungen, über Krieg und Erinnerung. In intensiven Bildern widmet sich Valerie Fritschs Lyrikbeitrag „kannibalismus“ der Begegnung zweier Liebender: „wir erkannten uns an den wörtern / den augustinischen herzen / einer zornesfalte und einer alldunklen stille“. Timo Brandts mehrstrophiges Langgedicht „Die Zeit blättert“ vergegenwärtigt Prozesse des Gedeihens und Vergehens mittels Gedanken und Eindrücken eines lyrischen Ichs. Im Spiel mit dem Gleichklang von Worten entstehen hierbei unerwartete poetische Gefüge: „Ich verlaufe mich in einem Gedanken an den Winter / und als ich da bin hängen Wimpern über mir, / die ich aufstoße wie Fenster. Rippen.“ Die Gedichte Kristina Kočans widmen sich verschiedenen eindrücklichen Erlebnissen und Gefühlen, so dem friedlichen Empfinden des Einsseins mit der Natur beim abendlichen Schwimmen in einem See oder dem Verlust einer geliebten Person.
Im Gedenken an einen verstorbenen Wegbegleiter der Zeitschrift enthält diese außerdem drei Übersetzungen aus Fabjan Hafners Nachlass: von Gedichten Jasmina Topis und Uroš Zupans. Auch des erst kürzlich verstorbenen Schriftstellers Hans Eichhorn wird in der Marginalie und durch Helmut Moysichs ausführliche Rezension seines 2019 erschienen Buches FAST das Große Haus / Wiederholungen gedacht.
Des Weiteren enthält die Ausgabe etwa Daniela Strigls Laudatio zur Verleihung des Franz-Nabl-Preises 2019 an Olga Flor, Luke Wilkins allegorischen Essay „Muttersprachwurzeln“ über poetische Sprachfindung, sowie Dankesreden Max Sessners und Sarah Kuratles anlässlich des an sie verliehenen rotahorn-Literaturpreises 2019. Das Coverbild der aktuellen manuskripte von Ida Szigethy zeigt eine Person in Zwangsjacke vor einem verschlossenen Tor. Obwohl die abgebildete Situation aussichtslos wirkt, imaginieren die Herausgeber sie in der Marginalie als „Augenblick unmittelbar vor dem Aus- und Aufbruch“: Als Aufbruch dorthin „wo die / richtung des neuen noch steil ist“ – so eine Sequenz aus Freda Fialas Beitrag, die der Ausgabe als Motto vorangestellt ist. Durch ihr beständiges Interesse an neuen literarischen Stimmen und Formen haben die manuskripte in den bisherigen 60 Jahren ihres Bestehens vielen AutorInnen zu solchen Ausbrüchen aus vorgegebenen Zwängen und Aufbrüchen in die Welt der Literatur verholfen!

// Zur manuskripte-Website

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