Gertraud Klemm: Literatur und Hilflosigkeit

Die Alte Schmiede hat gemeinsam mit dem Literaturforum Leselampe (Salzburg) Margit Schreiner, Gertraud Klemm und Sabine Scholl eingeladen, Texte zu dem Thema Literatur gegen Hilflosigkeit? zu verfassen und diese in je einer Veranstaltung in Wien und Salzburg zu diskutieren. Die Diskussionsabende mussten abgesagt werden, Gertraud Klemms Text kann jedoch hier nachgelesen werden.

Was bringt AutorInnen zum Schreiben? Die Gründe sind vielfältig – einer davon ist möglicherweise Hilflosigkeit: Hilflosigkeit angesichts der Beobachtung, was alles nicht gesagt werden kann in und außerhalb von Literatur. Gertraud Klemms Essay zum Thema Literatur und Hilflosigkeit spürt den genannten Möglichkeiten aus einer persönlichen Perspektive nach. Es geht um Schreiben und Scham, um Scham und Frausein, um Frausein und Lesen.


Literatur und Hilflosigkeit
Gertraud Klemm

Der erste Impuls, der mich zum Schreiben brachte, war Verschämtheit. Alles, was zu peinlich war, es laut auszusprechen, würde ich meinem braunen Tagebuch mit der Schnalle und dem Schloss anvertrauen, nahm ich mir vor, als ich ca. 8 Jahre alt war. Die Sache mit den Geschlechtsorganen, die ich anhand der komischen Querschnitte nicht verstand. Das, was am Schulweg mit dem Wolfgang passiert war, das mir niemand glauben würde. Das, was mit der Kriegsgeschichte meines Großpapas nicht stimmen konnte. Und noch bevor ich den ersten Satz zu Ende schreiben konnte, hatte mir mein Bruder schon das Buch aus der Hand gerissen und es johlend über seinem Kopf geschwenkt. Das war ein wichtiger Hinweis darauf, dass man die wirklich wichtigen Peinlichkeiten niemals einfach so niederschreiben darf, weil man sonst beschämt wird. Auch heute noch entstehen Erstfassungen von Texten in meinem Kopf und nirgendwo anders.

Voriges Jahr habe ich mein Büro ausgemistet und überlegt, den Stapel mit den Tagebüchern einfach wegzuwerfen. Hunderte von Seiten voll mit Banalitäten: Heute ist Sonntag, es regnet. Oder: Ich freue mich so darauf, Ramses (Anm: mein Lieblingspferd damals) ohne Sattel zu reiten! Oder: ich verstehe nicht, warum ich F. immer noch liebe. Auch die erzählenden Texte sind aus heutiger Sicht literarisch völlig unbrauchbar. Nichts als zähe, konstruierte Belanglosigkeiten. Dieses prä- und postpubertäre Geschwafel steht im Gegensatz zu den hohen Ansprüchen, die ich als begeisterte Leserin damals schon an Sprache hatte. Wie kann das sein?

Ich saß in meinem Büro am Boden vor meinem Schreibtisch, blätterte und erinnerte mich plötzlich an das Gefühl, etwas bewusst nicht zu schreiben. Vielleicht habe ich um den heißen Brei herum geschrieben, aus Angst, jemand könnte mitlesen. Und andererseits ist die Sprache so gestelzt, die Schrift so schön und um Leserlichkeit bemüht (außer, ich war betrunken) – ich wollte definitiv, dass jemand mitliest. Nur: wer?

In Interviews sage ich gerne, dass ich immer schon geschrieben habe, aber das stimmt so nicht. Richtig hieße es: Ich habe gegrübelt und Schreibhindernisse abgebaut, das Schreiben eingekreist, bis nichts mehr peinlich war.

In Interviews sage ich gerne, dass ich immer schon geschrieben habe, aber das stimmt so nicht. Richtig hieße es: Ich habe gegrübelt und Schreibhindernisse abgebaut, das Schreiben eingekreist, bis nichts mehr peinlich war. Die Nazivergangenheit meines Großvaters, die die Familie spaltete. Die rohe Gewalt, die mir dieser Wolfgang am Schulweg angedroht und auch zugefügt hatte. Die schiere Unaussprechlichkeit und Unabbildbarkeit von Schamhügel und Schamlippen und Scheide. Die Unmöglichkeit einer gleichwertigen Beziehung zwischen Mann und Frau, die Panik vor dem, was mit den Kindern kommen würde. Es war wohl kein Kalkül, um den heißen Brei herumzuschreiben. Wenn ich jetzt lese, was ich alles nicht geschrieben habe, sehe ich die Ungeheuerlichkeit dessen, was in den 70ern normal war: die Tabuisierung der Vulva. Die Akzeptanz von Gewalt. Die Präsenz der Nazizeit. Der Brei war einfach zu heiß, und auch nicht altersgerecht. Wie soll eine Zehnjährige Ungeheuerlichkeiten dieser Größenordnung, die Erwachsenen systematisch verschweigen, benennen und beschreiben? Ich wollte aber unbedingt schreiben! Vielleicht schrieb ich, was im sicheren Hafen schreibbar schien. Über das Wetter und die Pferde, die ich liebte. Das taten die Autorinnen der Bücher, die ich las, ja auch!

Das Lesen wiederum erlebte ich als eine Möglichkeit, in etwas hineinzukommen, das sonst schwer zu erreichen war. Zum Glück gab es bei uns mehr als Pferdebücher: Kunstbände, Sachbücher und Wissenschaftslexika. Vor allem aber Christine Nöstlinger half mir dabei ungemein, mich ein bisschen weiter hinauszutrauen und mein bürgerliches Umfeld zumindest lesend zu verlassen. Ich saß den Unterricht ab, schaute Nachrichten und Filme; aber erst die Literatur nahm mich bei der Hand und überschritt mit mir Kontinentalgrenzen, Zeithorizonte, Klassenunterschiede. Mit der Nöstlinger im Ohr erlebte ich die Nachkriegszeit, Wien, die Rückseiten der ersten Liebe, und wie es sein kann, sich in einen unappetitlichen Punker mit Kohlweißling-Tattoo auf der Wange zu verlieben. Ihre unverfrorenen Protagonistinnen redeten und dachten ganz anders als mein Umfeld; trotzdem vertraute und folgte ich ihnen überallhin, wo ich im realen Leben so schnell nicht hingekommen wäre. Sie hatten meine Empathie und ich ihre.

Als ich mit 14 die ‚richtige‘ Literatur zu lesen begann, in der Schule und aus dem Bücherregal daheim, war da schlagartig eine Distanz, die mir nichts anderes als erwachsen schien. Zweig, Hesse, Flaubert, Rilke. Was für eine wunderbare Sprache! Empathie? Überflüssig. Das war also Literatur, das musste, ja: durfte gar nichts mit mir und meinen kleinen Mädchenproblemen zu tun haben. Literatur hing ganz weit oben, so wie die schönen Bilder in den Museen oder die Musik in der Oper. Meine Wolfi- und Pferde-Probleme, die mittlerweile Liebes- und Weltschmerzprobleme waren, kamen da ohnehin nie hin. Glücklicherweise kam mein Vater mit „den beiden Johns“ nach Hause: mit Updike und Irving. Updike folgte ich in die schmutzige Welt der modernen Beziehungen (denen ich heute, im Gegensatz zu früher, den männlichen Blick ansehe). Dank Irving durfte ich dort ins Volle greifen, wo mein braves kleinstädtisches Umfeld nicht einmal hinzudenken wagten: Abtreibung, Geschlechtsumwandlung, Vergewaltigung, Prostitution! Irving schrieb auf diese wertschätzende, einladende Art, die mich heute noch in den Bann zieht.

Mit 16 griff ich zu Brigitte Schwaigers Wie kommt das Salz ins Meer und fühlte ich mich auf eine verstörende Weise verstanden. Lag es daran, dass eine Frau das Buch geschrieben hatte? Der Text reichte mir eine Hand und zog mich in sich hinein. Anders als bei den Johns tat mir körperlich weh, was der Protagonistin widerfuhr; ihre Abtreibung, ihr Rolf-Problem, ihre Traurigkeit beschäftigten mich Tag und Nacht. Jetzt traute ich mich über Doris Lessings Das goldene Notizbuch drüber, über Simone de Beauvoir und Margret Atwood. Die Offenheit und Schamlosigkeit dieser Autorinnen überzeugte mich, und ich versuchte, ihre Art, über den heißen Brei zu schreiben, zu kopieren. Roh, pathetisch, hilflos: So klingt das heute für mich. Wie es am Anfang sein darf und muss, wenn sich eine Frau ihren Platz erschreibt. Bis heute bin ich froh, erst mit Mitte Dreißig publiziert zu haben.

Das weibliche Schreiben, das nicht an die Klassik oder an die kanonisierte Literatur anknüpft, kann mit wenig Starthilfe rechnen. Zu viele Literaturpäpste haben durch Abwertung oder Ignoranz den Wertekanon geprägt. Meine ersten Schreibversuche sehe ich heute als eine Kapitulation vor einer Selbstzensur, die ich dann glücklicherweise überwinden konnte. Diese Selbstzensur ist nur das erste und gröbste Sieb, das das Schreiben passieren muss, gefolgt von immer feinmaschigeren Strukturen: Machtverhältnisse (wer darf zu Wort kommen, wer/was wird ernst genommen?), Lebensumstände (wer kommt überhaupt dazu, zu schreiben, wer kann es sich leisten?), Verlagswesen (wer/was ist es wert, publiziert zu werden?), Kritik (wer/was wird als lesenswert / preiswürdig legitimiert?), Markt (wer/was stapelt sich in der Buchhandlung), und Kanon (wer/was wird erinnert bzw. unterrichtet, was vergessen?).

Literatur, die NICHT preisgekrönt, nicht besprochen, nicht verlegt und vielleicht nicht einmal geschrieben wurde, ist oft aus einer Perspektive geschrieben, die nicht weiß, nicht männlich und nicht privilegiert ist. Ihr Fehlen ist ein Versäumnis, aber auch ein Potential, das der Literaturbetrieb so schnell wie möglich erkennen sollte.

Die Feuerprobe für jeden Text ist die Rezeption – durch Kritik und Lesende. In dieser Hinsicht schert mein Roman Muttergehäuse aus. Mit keinem anderen Text kam ich dem Thema Hilflosigkeit literarisch so nahe – und meinen Leserinnen. Das ist sicherlich dem schwierigen Stoff geschuldet: ungewollte Kinderlosigkeit und Überforderungen mit Mutterschaft – Themen, die Sachbücher regaleweise füllen, aber erst sehr zögerlich gängigen literarischen Ansprüchen gerecht werden. Das Ausgangsmaterial für Muttergehäuse ist ein Journal, das ich in Zeiten größter Verzweiflung und Isolation geführt habe – aus Mangel eines Gegenübers – und aus Mangel einer entsprechenden Literatur, die meiner Hilflosigkeit eine Sprache verliehen hätte. Er ist untrennbar mit meiner Biografie und ihren hochnotpeinlichsten Momenten verbunden und passt in keine Genre-Kategorie – außer in abwertende: Betroffenheitsliteratur, Befindlichkeitsprosa. Darf sowas Literatur sein? Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass es so einen Text braucht: Keinen Sachbuchtext, sondern einen literarischen, der mich genauso bei der Hand nehmen würde wie die Nöstlinger oder die Schwaiger.

Das Buch, das mich tröstet, muss ich mir wohl selber schreiben, schrieb ich in mein Journal.

Bei einer Lesung in Rauris saß ich in einer gedrungenen Almhütte, in der sich auf zwei Ebenen fast 300 Personen befanden, unter ihnen auch viele Literaturkritiker. Vielleicht, um den Text zu läutern, hatte ich mich bewusst für eine Textstelle entschlossen, die ich noch nie laut gelesen hatte – beschreibt sie doch die Sprachlosigkeit nach einer Fehlgeburt.

Als ich las, zitterte meine Stimme, aber die absolute Stille und Aufmerksamkeit im Publikum trug mich. Nach der Lesung kam ein Mittsechziger auf mich zu und blieb vor mir stehen. Danke, sagte er. Im Namen meiner Frau, die im Nebenraum sitzt und weint, sagte er. Und ich danke Ihnen auch. In dem Moment wusste ich, dass mein Schreiben eine weiteres Sieb passiert hatte: Es hat sich aus der Fremdbestimmung befreit, was Literatur sein muss und darf und was nicht. Für manches braucht es keine Kategorie, manchmal gibt es einfach keine.

Ich bekomme immer noch E-Mails, die mir für den Roman danken, weil er tröstet, weil sich eine empfundene Hilflosigkeit in der Sprache spiegelt. Literatur und Hilflosigkeit passen zusammen – an der Stelle, wo Literatur empathisch sein darf und sich nicht um Kategorien, die vielleicht schon aus der Zeit gefallen sind, scheren muss. Wenn es etwas gibt, was Literatur nicht dürfen soll, würde ich sagen: so weitermachen wie bisher. So kategorisch eindimensional kanonisiert unterrichtet und beforscht werden. Sie soll sich nicht dem Markt anbiedern und gleichzeitig antiquierten Idealen entsprechen müssen. Diesen Spagat haben schon allzu viele Texte nicht überlebt. Literatur ist etwas Großartiges, aber ihr Potential wird verspielt, wenn sie außer Reichweite von menschlichen Bedürfnissen geschrieben wird.

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