Zeitschriften-Empfehlung: FREIBORD

Die Galerie der Literaturzeitschriften empfiehlt:
FREIBORD. Zeitschrift für Literatur und Kunst
Ausgabe Nr. 45, Jg. 10 (1985): GRENZENLOS GRENZENLOS


»Was läßt uns heute, zu Beginn der 80erschleife, wieder an Fluxus denken, Fluxus schätzen. Wohl die in diesen Ereignissen zum Ausdruck gekommene Ungebundenheit und Leichtigkeit, die von vielzuvielen schwerfälligen nachfolgenden Strömungen zugedeckt wurde«, reflektiert Gerhard Jaschke in FREIBORD Nr. 23 (1981) das wieder aufkeimende Interesse an einer Kunstrichtung, mit der sich die Zeitschrift in den Folgejahren intensiv auseinandersetzt. Die Kunstströmung Fluxus benennt sich nach lateinisch ›fluere‹ – fließen und taucht, so resümiert das FREIBORD, erstmals »auf einer Einladung der gallery A/G in New York im Frühjahr 1961 auf« (vgl. FREIBORD 23, S. 64–65). Das gemeinsame Movens der durchaus heterogenen Arbeiten mit Fluxus assoziierter Künstler*innen ist hierbei unter anderem die Transgression medialer Grenzen ebenso wie der Grenzen zwischen Leben und Kunst (vgl. S. 66).
Davon, dass außer den so genannten »Fluxist*innen« auch zahlreiche andere internationale Literat*innen, Künstler*innen und Musiker*innen vor und nach den 1960er-Jahren grenzüberschreitend experimentieren und arbeiten, zeugt Ausgabe 45 des FREIBORD: Sie versammelt Werke von österreichischen und internationalen Künstler*innen, die im Rahmen von Gerhard Jaschkes zweiteiligem Autor*innen-Projekt GRENZENLOS (November 1983) und dessen »begrenzter Ergänzung« GRENZENLOS GRENZENLOS (Mai 1985) in der Alten Schmiede durchgeführt und präsentiert wurden. Sie zeugen von der kreativen Experimentierfreude und der guten Vernetzung des FREIBORD-Herausgebers gleichermaßen.

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Michael Hammerschmid über Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker musste leider ihre Lesung in der Alten Schmiede vom 27.10.2020 absagen. Michael Hammerschmid, der Moderator des Abends, hat stattdessen einen Text über da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete für den Blog der Alten Schmiede verfasst. 


abgründig und tiefgründig mehrdeutig vielschichtig, oder wie uns aus Friederike Mayröckers jüngstem Buch da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete ein unersetzbares Sprachorgan erwächst

Wie berührend, das neue Buch da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete von Friederike Mayröcker aufzuschlagen, das „Edith S.“, ihrem Lebensmenschen, gewidmet ist, und mit den folgenden Worten einsetzt:

über die Schwalbenschaft für Alfred K., das Lämmchen ich meine das weisze Lämmchen im blauen (Himmel) Exekution meines Gewissens deine Stimme ein weiszes Lämmchen im blauen (Himmel) weiszt du, unter dem Laubdach zu sitzen = schon kalt. Der Sommer fortgeflogen die Schwalben fortgezogen sie hatten nämlich den Himmel über dem Krankenhausgarten besungen sie waren Geschwister meine Geschwister, um ihre Brust gegürtet eine zärtliche Leine,“

Der Beistrich am Ende dieser Passage lässt die Erzählung jäh abbrechen, und doch auch nur scheinbar abbrechen, um in einem nächsten, etwas eingerückten Eintrag anders weiterzugehen, und danach noch einmal nach links gerückt mit wieder einer weiteren Textpassage und der Datumsangabe „22.9.17“ abzuschließen.

Das ganze Buch besteht aus solchen Textteilen oder Einträgen, die sich in vier Einrückungsgraden und unterschiedlicher Reihenfolge abwechseln. Im ganzen Buch gruppieren sich diese Einträge zu so etwas wie Tableaus. Insgesamt sind es rund 120, und sie tragen meist am Ende oder im letzten oft ganz nach rechts und dadurch gedichtartigen Eintrag, ein Datum. Sodass das Buch etwas von einer Mitschrift, Zeit-Schrift, Lebens-Schrift annimmt. Was es vor allem mit den letzten vier Büchern Friederike Mayröckers verbindet: zunächst mit Pathos und Schwalbe (2018), aber auch mit den schon grafisch vom Suhrkamp-Verlag sowie durch die französischen Kurztitel zu einer Art Trilogie zusammengefassten Bänden études (2013), cahier (2014) und fleurs (2016). Sie alle bestehen aus solchen wechselnden Einträgen mit Einrückungen und Datierungen, die zusammengenommen einen großen Sprachkosmos aus Textpassagen der letzten ca. zehn Jahre ergeben; beginnend mit études, das am „22.12.10“ einsetzt, bis zum rund zwei Jahre umfassenden Band da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete, der mit einem Eintrag vom 3.11.19 endet.

Die oben zitierte Passage des Textbeginns stimmt den elegischen Grundton des Buches an, das von Begeisterungen durchsetzt ist, und einer musikalischen Variation „über die Schwalbenschaft für Alfred K.“ gleicht, eine durch Wiederholungen und Brüche gekennzeichnete Passage, die dem erst diesen Mai verstorbenen Dichterfreund und manuskripte-Herausgeber Alfred Kolleritsch gewidmet ist, der jedoch hier zur Chiffre verändert und gleichsam abstrahiert, auftritt. Friederike Mayröcker nimmt auf unterschiedliche Weise unzählige Begegnungen, Erinnerungen, Momente, Erlebnisse mit Literatur, Menschen, Kunst und Alltag in ihren Sprachfluss auf und speist diese in ihre Schrift ein. Es ist zweifellos der Ton hoher Poesie, der hier angeschlagen wird, doch ist diese Höhe nur möglich, weil sie sich auch dem scheinbar banalsten Detail nicht versperrt. Existenziell grundiert bleibt die Höhe oder besser wird die Höhe abgründig und tiefgründig mehrdeutig vielschichtig.

Das ganze Buch lässt sich wie in Schichten komponiert beschreiben, es bringt eine Art unbewusste Sprache zum Vorschein, in der die Signifikanten und Signifikate poetisch zu schwirren beginnen. Es handelt sich um ein Sprach-Kunst-Werk, indem alles Sprache wird, was berührt wurde und wird. Man kann es sich vielleicht wie ein Organ vorstellen, das einem erwächst, wenn man Friederike Mayröcker liest, ein Empfindungsorgan noch ungekannter Art. Im Innersten ist es darauf ausgerichtet zu überraschen, neue Spuren und Wege zu gehen und zu öffnen und zu verdichten, zu ‚vervielschichtigen‘. Es gibt kaum eine Passage, in der sich vorhersehen lässt, wie die Sprachspur weiter verlaufen wird. Das Werk gleicht dabei auch einer Collage, einer Collage von Sprachsplittern, Partikeln, Sätzen, von grafischen und akustischen, von inhaltlichen und formalen Elementen. Öfter wurde schon die Wildheit der Mayröcker’schen Poesie hervorgehoben und es trifft zweifellos zu: Das Werk wildert, ist wild und unangepasst, reißt Bilder und Vorstellungen auf, aber Friederike Mayröcker verfugt diese auch neu, bringt sie zueinander in Beziehung. Vielleicht könnte man das Werk Friederike Mayröckers ganz gut als ästhetische Beziehungsarbeit zwischen einander Unbekanntem beschreiben. Und vielleicht ließe sich von Friederike Mayröcker ausgehend die Poesie insgesamt als so etwas wie eine ästhetische Beziehungsarbeit denken? Jedenfalls praktiziert ihre Poetik das In-Beziehung-Setzen auf unterschiedlichsten Ebenen. Nicht erst in diesem Werk, aber doch in diesem wieder und auf besonders intensive Weise, kommt es auch zum fortlaufenden An- und Aufrufen von Namen, wie oben am Beispiel Alfred K. zu sehen, die Seite für Seite vorkommen und zusammengedacht so etwas wie ein Fest der Namen und des Nennens ergeben, das natürlich auch ein Fest der Worte selbst ist:

lesen = der weisze Flieder = Ezra Pound,
abermals, ich liebe das Wort abermals ach
wie ich dieses Wort liebe oder das Wort an-
derswo wie ich das Wort anderswo liebe

heißt es einmal und es ist alles andere als die einzige Liebeserklärung an die Worte und die Sprache, die in diesem Buch vorkommt. Vielleicht ist dieser Zug in da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete noch einmal verstärkt, vielleicht tritt diese Erklärung poetisch-poetologisch in ihm noch einmal intensiver als früher hervor?

Wobei die Kunst dieses Buches vor allem darin besteht, die vielen Partikel nicht nur ins Spiel zu bringen, gleichsam magnetisch anzuziehen und verwandelnd wieder abzugeben, sondern sie auch in Balance zu bringen. Die Kräfte, die in dem Buch wirken, sind einander dabei aufs radikalste entgegengesetzt. Dies lässt sich u.a. daran ersehen, wie die Einzelereignisse, die mikroskopischen Sprach- und Formereignisse größtmögliche Autonomie für sich behaupten (können). Man merkt das etwa daran, dass man gleichsam an jeder Stelle in das Werk einsteigen kann, ohne dass dies die Lektüre des ganzen Kontextes notwendigerweise nach sich zieht. Man kann dieses Buch, wie die meisten anderen Friederike Mayröckers, also durchaus punktuell, passagenhaft, ja räuberisch lesen, ohne ihm Unrecht zu tun. Und dennoch ist spürbar, wie sehr sich jede Stelle mit anderen Stellen assoziiert, man merkt, dass man sich in einem Œuvre, einem großen Zusammenhang bewegt und an ihm teilhat, und dass diese Ästhetik dieses poiein (= machen), dieses Schreiben, aus einer rund 70jährigen, kontinuierlichen Spracharbeit entwickelt hat, die sich stets unerhört offen und neugierig gegenüber anderen Einflüssen, Künsten und Werken einerseits sowie gegenüber dem eigenen Alltag und Körper und dem eigenen Medium, der Sprache, andererseits verhalten hat.

Fast wie eine Widmung an all die vielen genannten Menschen und Künstlerinnen und Künstler macht sich da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete aus. Wie ein Subbass klingen die Arbeiten der genannten Künstlerinnen und Künstler mit, fast wie eine sehr persönliche Kunst-Geschichte schwingen sie mit. Fast wie über deren Werke improvisiert, liest sich das Buch. Auf jeden Fall oszillieren die Worte und Wahrnehmungen mit diesen aufgerufenen, angerufenen, in Dialog gebrachten Werken. Und es ist charakteristisch für Friederike Mayröckers Schreiben, dass es fortwährend in Dialog steht, und das Ich des Buches wird eben gerade dadurch gekennzeichnet, dass es den Dialog und das Dialogische sucht, wodurch dieses Ich mit allen diesen Welten, Werken, Gegenwarten und Vergangenheiten (wie) in ständigem Austausch steht. Nicht zuletzt das macht Friederike Mayröckers Schreiben so  zugänglich, einladend, gerade dadurch entsteht die Sogwirkung, seine Magie als zauberhafte Anziehungskraft verstanden. Das Fantastische daran, dass das Ich – so persönlich, innig und gegenwärtig es uns entgegentritt und wir ihm gleichsam von Aufmerksamkeit zu Aufmerksamkeit, von Wahrnehmung zu Wahrnehmung folgen – in keiner Weise monomanisch oder egozentrisch erscheint. Es ist ja in Austausch, in Abgleich, in Dialog mit anderen und mit sich selbst, und es ist vor allem ein Sprach-Ich. Eines, das erst in der Art der Wahrnehmung zu seiner Gestalt findet, oder besser, seine Gestalt sucht. So wie die Bücher von Friederike Mayröcker  ihre Gestalt, Form und Formung fortwährend suchen. Es sind Suchorgane, Suchbücher und das Ich verändert sich in ihnen permanent bzw. nimmt die jeweilige Sprachgestalt(ung) an, die es in Gang setzt. Auf diese Weise wird vieles ausgehebelt, radikal unterwandert, was in zahlreichen Werken der Erzählliteratur als unhinterfragter Konsens gilt. Friederike Mayröcker entfaltet im Gegensatz dazu eine unkonventionelle Literatur, die das Narrative zwar sehr wohl kennt und ‚verwendet‘, das Buch steckt voller kleiner Erzählungen, nicht zuletzt Erinnerungen an die eigene Kindheit und an Mutter und Vater, die sich aber von der bloßen Erzählung immer auch schon emanzipiert und ganz auf leuchtende Sprachereignisse setzt, aufs Detail, könnte man auch sagen, sowie auf den subkutanen Zusammenhang, der nicht zuletzt durch feine Variationen und Déjà-vu-effektartige Reminiszenzen zwischen all diesen scheinbaren Details erzeugt wird. Die Poetik von da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete ist so gesehen mikroskopisch und makroskopisch zugleich, (un)erzählerisch und gedicht(un)artig, oberflächendichterisch und untergrundsforscherisch. Und auch die einzelnen Einträge des Bandes sind sowohl autonom als auch in Beziehung zu den sie umgebenden lesbar, im Kontext und im Subtext, wörtlich und allegorisch, könnte man in Anspielung auf den vierfachen Schriftsinn alter (und nicht nur alter) Bibellektüre sagen.

da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete ist ein komponiertes Sammelsurium an Fundstücken, Sprachkunststücken, an Verdichtungen, Auftrennungen und Wieder-Zusammenfügungen, an Überraschungen, Bekenntnissen und Erforschungen. Und so schockierend wie der Punkt im Titel en eben anhebenden Satz schroff unterbricht und zu einem jähen Ende zwingt: „da ich morgens und moosgrün.“, so unerwartet geht derselbe Satz weiter und setzt doch als ein unerwartet Neuer (Alter) ein: „Ans Fenster trete“. Und wenn das nicht für die Offenheit der Literatur der Friederike Mayröcker und die unerhörten Möglichkeiten der Literatur insgesamt stehen und als große Ermutigung verstanden werden kann?!

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Friederike Mayröcker
da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete
Bibliothek Suhrkamp 2020

Der Hammer Nr. 111: Dichterloh

Wjatscheslaw Kuprijanow, Jan Erik Vold, Lidija Dimkovska – drei Lyriker*innen, die Festivalkurator Michael Hammerschmid für das Lyrikfestival Dichterloh im Jänner 2021 in die Alte Schmiede eingeladen hat. Drei Dichter*innen, deren Arbeiten aus dem Russischen, dem Norwegischen und dem Mazedonischenins Deutsche übersetzt wurden und in den letzten beiden Jahren in kleineren deutschen Verlagen erschienen sind. Die österreichischen Autorinnen Lisa Spalt, Margret Kreidl und Verena Stauffer haben sich mit der Lyrik ihrer Kolleg*innen beschäftigt: Ihre poetischen Begegnungen stellt dieser Hammer vor. Die Texte können Sie, neben zahlreichen weiteren essayistischen und feuilletonistischen Auseinanderstzungen mit Lyrik, auch auf der Website der Poesiegalerie lesen, der wir an dieser Stelle herzlich für die Zusammenarbeit danken.

/// Der Hammer als PDF.

FREIBORD – Revue durch vier Jahrzehnte Resonanz- und Produktionsraum

Gerhard Jaschke | Markus Köhle | Fermin Suter
Konzept und Redaktion: Kurt Neumann

Gerhard Jaschke (*1949, seit 1970 literarisch und künstlerisch tätig) war von den ersten Anfängen 1976 treibende Kraft der „kulturpolitischen Gazette“ FREIBORD, sechs Jahre als Teil eines wechselnden Teams, bald alleiniger Herausgeber und ab Heft 30 verantwortlicher Redakteur mit fallweisen Mitarbeitern. Nach einigen Nummern wechselte der programmatischen Untertitel erst auf „Literatur – Kunst – Kulturpolitik“, ab 1982 hieß es „Zeitschrift für Literatur und Kunst“. Durch vier Jahrzehnte hindurch entfaltete die Zeitschrift ein vitales Kraftfeld für die Wiener und österreichische literarische und künstlerische Szene und verschaffte dieser zudem vielfache internationale Verknüpfungen.

Dabei zeichnete sich FREIBORD durch eine undogmatische ästhetische Offenheit aus, ausschließende und einschränkende Festlegungen auf „Realismus“ oder „Sprachexperiment“ kamen für Gerhard Jaschke nicht in Frage. So ist es auch kein Zufall, dass Fluxus zu einer Art Leitbegriff seiner redaktionellen Arbeit geworden ist. Thematische Schwerpunkte einzelner Hefte bildeten oft den Ausgangspunkt für weiterführende literarische Arbeiten von Autorinnen und Autoren, andererseits setzte Jaschke zahlreiche Veranstaltungsschwerpunkte, die dann zu entsprechenden Ausgaben der Zeitschrift geführt haben.

Ein Abend am 22.10. führte zu einigen der charakteristischen Stationen künstlerischer Vielfalt und inspirierter literarischer Unternehmungslust der FREIBORD-Geschichte.

Vermessung von Zeit- und Vorstellungsräumen: Klaus Demus‘ Dichtung

„Ihr seid meine endlich wirklich gewordene Welt“, schrieb Paul Celan an seine Wiener Freunde Klaus und Nani Demus, „ich weiß unter meinen Freunden niemand, der mir so nahe wäre wie Ihr“. Klaus Demus war dem Lyriker Celan ein enger Freund und Wegbegleiter – trotz oder vielleicht wegen eines Bruchs in den 1960er Jahren, in den Demus dem sieben Jahre älteren Freund bat, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, da er um dessen psychische Gesundheit fürchtete.

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Fiktion als Wahrheit – Über Josef Oberhollenzers Sültzrather-Projekt

Am 24. September hätte Josef Oberhollenzer sein metafiktionales Erzählprojekt über den großen Südtiroler Schriftsteller Vitus Sültzrather in der Alten Schmiede vorgestellt. Da die Lesung leider abgesagt werden musste, stellt der Moderator des Abends, Johannes Tröndle, das Buch stattdessen für den Hammerblog vor: 


Wer im Netz nach dem kleinen Südtiroler Ort Aibeln und dessen großem Bewohner Vitus Sültzrather (1931–2001) sucht, landet ohne Umschweife bei Josef Oberhollenzer. Das Dorf, angeblich im Eisacktal zwischen Brixen und Bozen gelegen, ist genauso wenig auf den Karten verzeichnet wie der Dichter in den Annalen der Literaturgeschichte – radikal vergessen, auch wenn in den 1960er und 70er Jahren, wie wir bei Oberhollenzer, respektive dessen Chronisten F., erfahren, kein Weg an Sültzrather vorbeigeführt habe. In einem Atemzug mit Kafka, Joyce und Proust sei er genannt worden, und noch heute fänden auf Basis seines umfangreichen Werks (u.a. die Romantrilogie Traumschleifer, Gedichtbände und zahllose Tage- und Notizbücher) in Heidelberg Sültzrather-Tagungen statt; die nächste im Mai 2024 anlässlich des 65. Jahrestages seines Sturzes vom Baugerüst. Damit nämlich, dem Unfall des in Folge querschnittsgelähmten 27-jährigen Zimmermanns, habe alles begonnen, sei der Zimmermann zum Schreiben gelangt. Allerdings sind seine Bücher mehr als vergriffen, sie sind schlicht nicht auffindbar – oder doch, ausschnittsweise, in Zitaten wieder- und weitergegeben in den Büchern von Josef Oberhollenzer.

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Weißt du, Wien …

Vor 100 Jahren begannen im Roten Wien Reformen, die Wien zu einer für alle lebenswerten Stadt machen sollten: Neben der Reformierung der Gesellschaft etwa durch demokratische Bildung, die Durchsetzung von Frauenrechten, kommunalen Wohnbau, eine sozialistische Gesundheitspolitik spielte auch Kultur eine zentrale Rolle. Im November 2019 gingen in der Alten Schmiede mehrere Dialoge zwischen Autor*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen der Frage nach, welche Kontinuitäten und Brüche zwischen dem aktuellen Wien und dem Roten Wien der Zwischenkriegszeit bestehen. Den im Rahmen einer Veranstaltung zu Musik im Roten Wien entstandenen Text von Mieze Medusa können Sie hier nachlesen:


Weißt du, dieses Wien war immer schon groß.
Eine Stadt in Übergröße.
Überaus viele Menschen übereinander gestapelt.
Ein Wirrwarr von Sprachen.
Kein Turm zu Babel, eher ein brabbelndes, brodelndes, bisschen grantelndes Übereinanderschichten
von viel zu vielen Gesichtern …
Wer schafft den die Arbeit, Frau Minister AD?
Wie war denn das damals, als die Prachtbauten am Ring entstehn?
Von Massen erbaut in 15-stündigen Arbeitstagen, jeden Tag die Woche, jede Woche im Jahr.
„Komm nach Wien! In den Ziegelwerken am Wienerberg gibt’s Arbeit!“
Und niemand wird dich nach Deutschkenntnissen fragen.
Du hast einen Platz zum Schlafen, ja! Sei froh!
Aber im Massenlager auf Holzpritschen, elendes altes Stroh,
Körper an Körper,
Menschen wie du und ich, aber anders …
Menschen wie du und ich, aber damals …
und als die Massen sich erheben, fragt der überraschte Kaiser lapidar: „Ja, dürfen’s denn das?“

Bisschen später, weißt du, war’s so:
Wien war damals wie die Welt heute.
Zu viele Menschen auf einem begrenzten Planeten, der sich um sich selbst dreht.
Die wenigen haben urviel. Die andern wissen kaum, was essen und wie überleben.
8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf und 8 Stunden Freizeit,
das war damals hier und ist heute dort utopisches Reden.

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Leseempfehlung: Geschichtchen und Minutennovellen

Prosaminiaturen 2

Helwig Brunner: Gummibärchenkampagne. Minutennovellen (Literaturverlag Droschl, 2020)
Bastian Schneider: Paris im Titel. Geschichtchen (Sonderzahl Verlag, 2020)


Mit einem vielseitigen Journal der Bilder und Einbildungen (2017), essayistischen und autobiographischen Reflexionen, Betrachtungen zu den Naturwissenschaften und zur bildenden Kunst überraschte Helwig Brunner zuletzt. Davor war der Grazer Autor lange Jahre vorwiegend als Lyriker tätig gewesen. Nun folgt wiederum ein Prosaband, einer aber, der sich in stark verdichteter Form ganz auf das Erzählen konzentriert. Die Gattung der Minutennovellen hat Brunner (wie auch im Klappentext ausgewiesen) dabei von István Örkény entlehnt. Der ungarische Autor schrieb in den 1950er und 60er Jahren über vierhundert ebenso bezeichnete Miniaturen, Terézia Mora hat eine Auswahl davon ins Deutsche übersetzt.          

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Während Örkénys Texte von Formenvielfalt gekennzeichnet sind – neben klassischen Kurzprosatexten finden sich etwa auch reine Dialogtexte, Listengedichte, graphische Spielereien oder eine „Leere Seite“ in dem bei Suhrkamp erschienenen Sammelband – ist Brunners Gummibärchenkampagne sehr einheitlich gestaltet: in Erzählduktus und Ton, in der Titelgebung (jeweils ein Substantiv), im jeweils wechselnden Figurenpersonal ist eine klare Linie erkennbar, eine konzeptionelle Strenge, die aber von der inhaltlichen Leichtigkeit, dem Humor der Texte und ihrer Themenvielfalt kontrastiert wird: Frühstücksrituale; Schlafprobleme; Tippfehler; Einkaufszwang; Ehekrisen; Voyeurismus; das Verfallsdatum auf Marmeladegläsern; die Zusammenhänge von Misanthropie, Marxismus und fehlender Schönheit – die über einhundert kurzen Texte sind abwechslungsreich und durchwegs aus dem Alltag gegriffen. Ein Zug zum Grotesken ist vielen der Prosaminiaturen gemeinsam, ein absurder Dreh, wobei aber der Boden des realistischen Erzählens (anders als bei Örkény) nur selten verlassen wird. Sehr präzise im Ausdruck arbeitet sich der Autor an gesellschaftlicher „Normalität“ ab, und zeigt, wie sich auch aus dem scheinbar Banalen heraus überraschende Einsichten gewinnen lassen – oder bitterböse Pointen, die auch in einem Unfall oder Selbstmord oder beidem zugleich gipfeln können, gut gelaunt wie in einem Monty-Python-Sketch.

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Corona-Lesung mit Markus Mittmansgruber

In den Wochen, in denen die Veranstaltungen der Alten Schmiede nicht stattfinden können, bringen wir einige Lesungen mit Gespräch aus unserem Literatuprogramm online zu Ihnen nach Hause – in einer gemeinsamen Initiative mit den Büchereien Wien, der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels.

Markus Mittmannsgruber liest aus seinem aktuellen Roman „Austreibungen“ (Luftschacht) und spricht mit Johanna Öttl von der Alten Schmiede Wien.

Paul Pechmann über Gerhard Rühm

Am 6. Februar 2020 stellte Gerhard Rühm in der Alten Schmiede sein jüngstes Buch hero liest grillparzer / leander lernt schwimmen. eine klassische liebesgeschichte // kuchen und prothesen. zwei dutzend kurzprosatexte vor: In diesem Nebeneinander von Zitaten und Illustrationen eines Schwimmkurses aus dem Fin de Siècle auf der einen Seite und Stellen aus Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen auf der anderen setzt Rühm die sich anbahnende Liebesgeschichte einer Novizin und eines jungen Klosterbesuchers auf amüsant vermittelte Weise in Szene. Die 24 Prosatstücke kuchen und prothesen stammen je zur Hälfte aus den 1950er Jahren sowie aus der aktuellen Produktion Gerhard Rühms und sind ebenfalls geprägt vom Anliegen des Autors, literarische Darstellungsklischees zu durchbrechen. Paul Pechmann hat die Lesung moderiert und anlässlich des Abends folgenden Text über Gerhard Rühms Buch verfasst.


Gerhard Rühms zuletzt im Ritter Verlag erschienenes Buch hero liest grillparzer / leander lernt schwimmen. eine klassische liebesgeschichte // kuchen und prothesen. zwei dutzend kurzprosatexte besteht aus zwei Teilen, von denen jeder einzelne eine abgeschlossene Einheit bildet, die aber auch gerade in der Synopse in einem Band poetisch-poetologische Verbindungslinien über die Jahrzehnte hinweg erkennen lassen. Trotz der zeitlichen Distanz der Arbeiten manifestiert sich in beiden Gruppen der Kurzprosatexte derselbe experimentierfreudige Impuls. Schon Anfang der 50er Jahre war die Richtung für Gerhard Rühms ästhetische Positionierung entschieden: Prosa war wie andere Gattungen ein Gebiet, das für avancierte Sprachkunst auf der Höhe der Zeit (in Bezug auf literarische, sprachphilosophische Traditionen und mediale Umgebungen) neu zu erkunden war, und eben nicht eine gleichsam ,vorgegebeneʻ Form, wie v.a. jene des Romans oder der Erzählung, die mit unterschiedlichen (historisch bedeutsamen, politisch brisanten, subjektiv berührenden oder was auch immer für) Themen und Stoffen ,wie selbstverständlichʻ zu befüllen war. Und als ,selbstverständlichʻ erschien dem Autor freilich auch die Trennung von Texten in Gattungen wie Prosa, Lyrik, Drama nicht. Als Konstante galt und gilt für Rühm vielmehr die Skepsis gegenüber jeglichem Gestaltungsklischee, und schon früh manifestieren sich grundlegende Vorbehalte gegenüber eingespielten (auch literarischen) Verwendungsweisen des Mediums Sprache. Früh entwickelte Rühm – in der Rezeption klassischer Avantgarden und im Austausch mit Kollegen (der Wiener Gruppe) – einen materialbezogenen Begriff von Literatur, womit ein wesentlicher Grundzug von Rühms dichterischer, mittlerweile sieben Jahrzehnte umspannender Produktion benannt wäre.

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