Dichterloh: Lidija Dimkovska

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


DIE LIEBE

Die erste Liebe ist wie eine Autobahn
mit einer schnellen und einer langsamen Spur.
Auf ihnen überholen Pferdeherden
einen Cadillac mit „Only You“ im Lautsprecher.
Geschwollene Lippen, geschwollenes Fleisch, geschwollene Zunge.
Und auf den Schwarz-Weiß-Fotos
ist nichts in schwarzer oder weißer Farbe.
Jede Gestalt hat ihre Anamnese,
jeder Mann hat seinen Mann oder seine Frau.
Alles ist dir klar, aber du begreifst nichts.
Aus dem Sattel betrachtest du den Zug in der Ferne
und weißt nicht, ob das dein tren con destino ist
oder ein Zug, in dem der Tod mit dem Leben abrechnet.

Die zweite Liebe ist wie ein Tunnel,
der für Fußgänger gesperrt ist.
Du erklimmst den Berg,
kletterst zwischen Büschen und Steinen,
unter dir fahren die Fahrzeuge mit 70 km/h,
von oben brennt die Sonne herab, die Schuhe drücken,
deine Stirn ist schweißnass, du verlierst einen Hemdknopf.
Du gehst und gehst, bist aber erst bei der Hälfte des Weges.
Du kehrst um, und vor der Zugfahrt zum Tunnel, völlig erschöpft,
streckst du den Daumen raus. Sie nimmt dich mit.
Im Tunnel ist es dunkel. Plötzlich bist du es, der fährt.
Wieder draußen aus dem Tunnel sitzt niemand neben dir.
Aber der Sitz ist eingedrückt und noch warm.

Die dritte Liebe ist wie eine Brücke
mit Spalten zwischen den Brettchen.
Zwischen ihnen rauscht ein fremder Fluss,
aber du siehst nicht nach unten aus Angst vor der Höhe,
jeden Schritt zählst du zweimal,
dann nimmst du den letzten Bus nach Hause,
und erst am Ende der langen Fahrt,
mit verkrampften Beinen, entdeckst du die Stütze für die Fersen.
Zu Hause – über die Badewanne gestreckt –
kichert sie unter dem kitzligen Gewicht deiner Kinder.
Du kennst all ihre Spalten, aber nicht alle Brettchen.
Du hörst nur, wie ihr Wasser rauscht,
in dem du schwimmst und schwimmst, vom Ende bis zum Anfang.

Lidija Dimkovska: Schwarz auf Weiß (parasitenpresse 2019), S. 39–40.

https://parasitenpresse.files.wordpress.com/2019/06/cover-dimkovska.jpg?w=185

Lidija Dimkovska
Schwarz auf Weiß
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann
Parasitenpresse
66 Seiten

// Lidija Dimkovska auf der Website des Verlags

In Kooperation mit der Parasitenpresse verlost die Alte Schmiede ein Exemplar dieses Gedichtbands sowie einer Auswahl weiterer Titel, aus denen beim Dichterloh-Festival gelesen wird – zur Teilnahme schicken Sie ein Mail mit ihrer Anschrift an zusendungen@alte-schmiede.at. Einsendeschluss ist der 25. Mai 2020.

Dichterloh: Max Czollek

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


30. September

fällt das licht der utopie scheinwerfergleich, heiraten zwei. verstauen zeilen von rumi in plastikflaschen, schleudern sie richtung gezeit. wird schon wer finden der sich daran festklammern kann. angemessen wäre: das gedicht beschwert sich bei der welt, dass sie nicht seinen ansprüchen entspricht. klippenwärts den blick wie zeppeline, rettungskommando für menschenkonfetti, um schlauchboote verstreut. beschreibe ich den himmel darüber als augenhöhle, ist das meer eine innere blutung. angemessen wäre: die welt läuft aus dem ruder und das gedicht läuft mit.

Max Czollek: Grenzwerte (Verlagshaus Berlin 2019) , S. 23.

Max Czollek
Grenzwerte
mit Illustrationen von Mario Hamborg
Verlagshaus Berlin
116 Seiten

// Max Czollek auf der Website des Verlags

Dichterloh: Angelika Rainer

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


SILBERSEE

Wie staunten wir, als wir erfuhren, dass das Schilf aus hauchdünnem
Silber gemacht war.
Silber tritt gediegen auf, als Geflecht, als Korn, als Locke.
Und Seelen entsteigen stehenden Gewässern, überall anders bleiben sie
flüchtig.
Am Morgen steigen sie aus silbernen Tiefen, werden in alle Winde
zerstreut, kehren abends heim mit den Splittern des Tages, mit allem,
was vor den Augen uns liegt.

Ohne Altar ist das Wasser des Flusses.
Stehendes Wasser fault.
Kommt daher das Zögern, sich in einem See zu ertränken?
Wer möchte länger als nötig verwesen?

Aus den Schilfgürteln trieb der Sturmwind verdorbenes Wasser ins
offene frische, die Fische verendeten, es stank schrecklich, sogar mehrere
Tage lang.
Das Gebot – Vertrau auf den See und sammle Fische – hatte seine Bedeu-
tung verloren.

Das Vergangene wird immer weniger wichtig, sagen jene, die es ver-
stehen, den Sturzbach bewohnende Geschöpfe beim Namen zu nennen.

Angelika Rainer: See’len (Haymon, 2018), aus dem ersten Teil des Gedichtbandes mit Titel „Zehn Seen“, S. 24.

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Angelika Rainer
See’len
Haymon
84 Seiten

// Angelika Rainer auf der Website des Verlags

Dichterloh: Kurt Aebli

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


Was du siehst

Du liebst nicht, was du siehst,
siehst nicht, was du
liebst.

Nur manchmal mit Augen,
die dir
nicht gehören,
die du nicht
öffnen und wieder
schließen kannst.

Kurt Aebli: En passant (Wolfbach, 2019), S. 7–8.

https://wolfbach-verlag.ch/images_cache/Aebli_en_passant_9783906929330_200_300.jpg

Kurt Aebli
En passant
Wolfbach Verlag
96 Seiten

// Kurt Aebli auf der Website des Verlags

Dichterloh: Klaus Merz

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


29. Februar

Wenn du morgen
zurückkehrst, Liebste,
öffne ich dir
mit einer Schlüssel-
blume die Tür.

Klaus Merz: firma (Haymon, 2019), S. 74.

https://www.haymonverlag.at/wp-content/uploads/2018/11/3449.jpg

Klaus Merz
firma
Haymon
136 Seiten

// Klaus Merz auf der Website des Verlags

Dichterloh: Ivan Blatný

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


SUBLIMIERUNG

No boredom finding way but it is unfortunate
that whatever you do, you stay a bit afraid

Never mind, sun is out und die Bienenstöcke fahren zum Haff
der Dichter ist überglücklich, studiert die Welt und pafft

Er hat Lust auf was anderes, will es aber nicht sagen
ihm reicht ein Blatt Papier und ein Tabakladen.

Ivan Blatný: Hilfsschule Bixley (Edition Korrespondenzen 2018), S. 191.

https://www.lyrik-empfehlungen.de/db/cover/full/p100/106_1-blatny.jpg

Ivan Blatný
Hilfsschule Bixley
Aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Jan Faktor und Annette Simon
Edition Korrespondenzen
240 Seiten

// Ivan Blatný auf der Website des Verlags

In Kooperation mit der Edition Korrespondenzen verlost die Alte Schmiede ein Exemplar dieses Gedichtbands sowie einer Auswahl weiterer Titel, aus denen beim Dichterloh-Festival gelesen wird – zur Teilnahme schicken Sie ein Mail mit ihrer Anschrift an zusendungen@alte-schmiede.at. Einsendeschluss ist der 25. Mai 2020.

Dichterloh: Gerhard Kofler

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


FREMDWERTER

„koboi“ hommer gsogt
und „kolgate“
wia mer spater
im eschterreicher
„kauboi“ und „kolgäit“
khert hobn
isch ins des
so gonz richtig
gschert virkemmen

Gerhard Kofler: in fließenden übergängen. in vasi comunicanti (Haymon 2019), S. 121.

https://www.haymonverlag.at/wp-content/uploads/2018/11/3459.jpg

Gerhard Kofler
in fließenden übergängen. in vasi comunicanti
Haymon
336 Seiten

// Gerhard Kofler auf der Website des Verlags



Dichterloh: Friederike Mayröcker

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


Fototermin am 19. Februar ‘17, Café Sperl :

im Salettl = Café : ich sollte meine Blicke ins frz. Objektiv
richten, der Rahmen für das Foto sollte die braune Holztäfe-
lung hinter mir, sein: fragwürdige Gloriole : also dasz ich
thronen sollte was mir nicht behagte. Ich schaute lieber
nach links ins aufgeschlagene NZZ-Journal um mich nicht
auszusetzen FRONTAL, also tauchte nach links in die Zei-
tungsblätter …… endlich die blassen Hände auf dem Mar-
mortisch, las dasz Heiner Müller das Dramolett „Herzstück“
auf ein Fetzchen Papier, gekritzelt hatte, um es hinüberzu-
schwenken zum Regisseur, usw.,

ach ein Sträuszchen welkender, Mimosen am
Nachbartisch, das opus tränenreich,

21. 2. 17

Friederike Mayröcker, aus Pathos und Schwalbe (Suhrkamp 2018), S. 211.

Image

Friederike Mayröcker
Pathos und Schwalbe
Suhrkamp
266 Seiten

// Friederike Mayröcker auf der Website des Verlags

In Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag verlost die Alte Schmiede ein Exemplar dieses Gedichtbands sowie einer Auswahl weiterer Titel, aus denen beim Dichterloh-Festival gelesen wird – zur Teilnahme schicken Sie ein Mail mit ihrer Anschrift an zusendungen@alte-schmiede.at. Einsendeschluss ist der 25. Mai 2020.

Dichterloh: Michèle Métail / Christian Steinbacher

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


LE MARATHONIEN

UN PIED DEVANT L’AUTRE
À MARCHE FORCÉE
PRIS DE VITESSE
FUITE EN AVANT
À LA SUEUR DE SON FRONT
COURSES EN VILLE
AIR VICTORIEUX
TOMBE À PLAT
FACE CONTRE TERRE
ACCÉLÉRATION DE L’HISTOIRE

BITTE DEN SCHNITZER MACHEN:

Marathonläufer

Fuß vor den anderen einen
Marsch mit Überwaltigungsausmaß
Accelerando legt zu und legt zu und legt zu
Nach vorne wird sie ergriffen
Rinnt Schweiß ihm übers ganze
In der Verstopfung der City
Sieht nach Sieger aus
Fällt flach es
Gesicht in den Boden
Die Geschichte wird flotter

Michèle Métail/Christian Steinbacher: Phantome Phantome (Edition Korrespondenzen 2020), S. 27–28.


In Kooperation mit der Edition Korrespondenzen verlost die Alte Schmiede ein Exemplar dieses Gedichtbands sowie einer Auswahl weiterer Titel, aus denen beim Dichterloh-Festival gelesen wird – zur Teilnahme schicken Sie ein Mail mit ihrer Anschrift an zusendungen@alte-schmiede.at. Einsendeschluss ist der 25. Mai 2020.

Dichterloh: Angela Krauß

„Woher kommen Gedichte? Woher beziehen sie ihre Energie? Wohin wagen sie sich? Welche Mittel verwenden sie, und wie verwenden sie diese? Mit welchen Biographien, Zeiten, Gesellschaften und Kulturen treten sie in Beziehung? Welche Kritik formulieren sie und welche Utopien realisieren sie? Und was machen sie mit uns und mit unserer Sprache?“, so schreibt Michael Hammerschmid über das von ihm kuratierte Lyrikfestival Dichterloh. 20 DichterInnen aus zehn verschiedenen Ländern hätten zwischen 4. und 18. Mai 2020 Perspektiven auf diese und weitere Fragen eröffnet; das Lyrikfestival wird im Jänner 2021 nachgeholt, Gedichte der eingeladenen AutorInnen lesen Sie vorab hier: jeden Tag ein Gedicht von den AutorInnen, die am betreffenden Datum in der Alten Schmiede gelesen hätten.


6 Sie wurde mir in die Wiege gelegt
ohne Begründung, nun muß ich sie rechtfertigen.

Die Welt macht gerade nicht den Eindruck, das könnte
                                                                                         gelingen.
Immerhin, wir haben uns verläßliche Sommer gewünscht,
und nun sind sie da.

Vielleicht sollte ich mich schämen wegen der Vorfreude.

Du solltest dich schämen!

Es schämen sich immer die Wehrlosen.

Ich bin nicht wehrlos.

Ich habe nichts vorzuweisen, keine Waffe, kein Schild.
Ein paar Argumente – ja –, die überhört würden,
weggewischt wie Krümel vom Tisch.

Liebe – ja! Doch Liebe leistet keinen Widerstand,
sie würde mich einfach sterben lassen,
sie kennt schließlich keinen Tod.

Die Vorfreude würde mich niemals sterben lassen!

Oder ist jemals ein Mensch im Zustand höchster Erwartung
                                                                                                              gestorben?


Wenn nein, so werde ich ewig leben.

Wenn ja, so werde ich schamlos sterben.

Angela Krauß: Der Strom (Suhrkamp, 2019), S. 82–83.

https://www.suhrkamp.de/cover/640/42867.jpg

Angela Krauß
Der Strom
Suhrkamp
93 Seiten

// Angela Krauß auf der Website des Verlags

In Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag verlost die Alte Schmiede ein Exemplar dieses Gedichtbands sowie einer Auswahl weiterer Titel, aus denen beim Dichterloh-Festival gelesen wird – zur Teilnahme schicken Sie ein Mail mit ihrer Anschrift an zusendungen@alte-schmiede.at. Einsendeschluss ist der 25. Mai 2020.